„suspense intact“
oder
„lässt euch doch mal auf die folter spannen“


Der Schweizer Installations- und Performancekünstler Beat Toniolo im Kunstbunker Tumulka. Texte von Ursula Haas.

Der Künstler

„Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie ist Gegenwart.“

Unter diesem Credo versteht der 1962 in Schaffhausen geborene Schweizer Polit- und Performance-Künstler Beat Toniolo seine künstlerischen Arbeiten.

Er lebt seit 1992 als „Europäer mit Schweizer Pass“ im Elsass und seit 1996 arbeitet, initiiert und organisiert er als freischaffender Künstler Kunst- und Kulturanlässe (u.a. das 1. „Wort- und Bild Festifall“ am Rheinfall, 2003).

1992 wurde die Grundlage geschaffen, sich mit „Gewalt, Krieg und Menschenrecht“ in verschiedenen Kunstgenres – Installationen, Objekte, Performances, Materialbilder - zu befassen: Einerseits der frühe Tod des Vaters und als der ‚Genozid in Jugoslawien’ zu wüten anfing. Aber auch die Vergesslichkeit und Ignoranz Schweizer Politiker und Firmen, sich mit der „Schweizer Wahrheit während und nach dem 2. Weltkrieg“ zu befassen: „verdrängt ist verdrängt ist vergessen“ Musste er keinen Krieg selbst miterleben, fühlt er sich jedoch von den aktuellen Kriegsgeschehnissen und der „Bush-Regierung“ tief betroffen.

Eindrücke, die er auf einer Reise nach Sarajevo und Mostar 1996 sammelte prägten ihn nachhaltig – er kann und will sich angesichts der Schicksale, der Gewalt und der Zerstörung nicht gleichgültig verhalten. Beat Toniolo will mit seiner Kunst zum Denken und Handeln aufrufen, wachrütteln und Dialoge anstoßen.

Kern des Werks von Beat Toniolo ist die Inszenierung von gesellschaftskritischen Aspekten durch Installationen und „Performance-Acts“. (u.a. Ausstellung mit Günther Uecker im Kunsthaus Grenchen, 2000, „Kunst><Politik“ und den unbewilligten und teilweise verbotenen Performances seit 1999 an der „ART Basel“, 2003 „Joseph Beuys, wo bist Du?“)

In einem Bericht (NeueZürcherZeitung, Zürcher Kultur, 20.1.1999) über seine Arbeit und die 7 Tonnen-Installations-Ausstellung in Basel („ich krieg den frieden nicht hin“) lässt sich

Beat Toniolo zitieren: „Ehrlich hat die Kunst vor allem zu sein, das ist wichtiger, als dass sie den Anspruch erhebt, immer nur schön zu sein.“

Zur Installationsausstellung „Wo – Schweiz – Hin?“ ( Schaffhausen, 1995) hat Beat Toniolo zusammen mit Prof. Dr. Silvio Borner (Ordinarius für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Basel) einen „künstlerischen Politauftritt“ inszeniert. Dabei entstand eines dieser plakativen, symbolistischen und provokanten Kunstwerke: ein Schweizer Kreuz aus lauter NEIN, NON, NO. Sie sollen die Haltung der Schweiz im Dezember 1992 gegenüber der Europafrage aufzeigen: „Mehr als mit vielen Worten brachte Beat Toniolo seine Aussage auf den Punkt; das war genial und optisch wirkungsvoll umgesetzt,“ so Prof. Silvio Borner.

Auch mehr als zehn Jahre später bleibt die Europafrage aktuell: „Toniolo’s Kreuz ist und bleibt ein eindrückliches, weil „Blicke fangendes“, Mahnmal gerade in einer Zeit, in der das Schweizer Kreuz nur noch als Werbegag zu sehen ist.“ (Zitat Prof. Borner, 2004)

Diese scharf artikulierten und provokanten Kunstaktionen, die sich aus gesellschaftlichem Engagement heraus kritisch mit seiner helvetischen Heimat auseinandersetzen machten Beat Toniolo bekannt; er schafft sich aber damit nicht nur Freunde.

Warum nicht, sich über „die Heimat und der Gesellschaft“ in einer heutigen „hyper-trendigen Spassgesellschaft“ zwischen BigBrother-, psychologischen Striptease TV-Shows und den

herangezüchteten „Schauspiel- Musiksternchen“ Bildern eine gehaltvolle, bild-liche und wort-getreue Ansicht zu machen und diese dann in einer „künstlerischen Form“ darzustellen?

Beat Toniolo ist es in einer reizüberfluteten Um- und Medienwelt wichtig, dass Kunst („Was ist denn Kunst überhaupt?“) Nähe wahrt, keine „intellektuelle“ Distanz, aber Fragen schafft. Ihm ist es wichtig, Diskussionen zu eröffnen. Es entstehen verschiedene künstlerische Ausdrucksformen, die das Publikum zur kontinuierlichen Auseinandersetzung anregen.

„Kunst soll nicht als kommerziell elitäre Haltung gegenüber dem Betrachter dienen, vielmehr wäre es Aufgabe, dem Geschehen in der Gesellschaft einen kritischen Beitrag zum Disput zu bieten.“

Beat Toniolo


„suspense intact“

Beat Toniolo und Ursula Haas (Schriftstellerin und Librettistin aus München, www.poetessa.de) sind seit Jahren ein Team; Themen- und Projektbezogen verfolgen sie ihre Stilrichtung: klar, resolut und kritisch zeigen sie das Spiegelbild der Gesellschaft.

Die Installationen, Objekte und Texte stammen aus Schweizer Ausstellungen von 2000, 2001, 2003 und 2004, aktualisiert und speziell für den Bunker installiert– in Deutschland werden sie im Kunstbunker Tumulka zum ersten Mal gezeigt. Die Arbeiten haben an Brisanz nichts eingebüsst – im Gegenteil. Die Installationen, Objekte und Texte sind nicht starr und definitiv zu verstehen. Sie behalten Form und Inhalt, erfahren aber durch ‚kompatible Eingriffe’ und neue Räumlichkeiten (Bunker) Veränderungen ohne der Redundanz zu verfallen. Mindestens zwei Räume widmet der Künstler den neuesten Geschehnissen.

Performances

Am Samstag, den 29. Mai von 11 – 17 Uhr will Beat Toniolo am RosenkavalierplatzRosenköpfen“. In Anbetracht der aktuellen Finanz- und Sparmaßnahmen (der Stadt München und der Schweiz) und der daraus entstehenden restriktiven Kulturförderung wird die Symbolik der Rose „eingesetzt“ und geköpft.

Heimat-Stück“ heißt die Performance mit Juliane Kosarev im Kunstbunker Tumulka am Montag, den 7. Juni um 19.30 Uhr. Die Bunker-Besucher sind eingeladen, Beat Toniolo einen persönlichen Heimat-Stück-Gegenstand ‚mit Geschichte’ zu übergeben – der wird fotografiert, aufgeschrieben und im Raum platziert.

Er wird weiterhin in weiße Blockseifen vom „Seifenkreuz“, ein aus 2500 Seifen hergestelltes Kreuz, ein „Heimat-Wort“ des Besuchers mit einer Feder einritzen und mit Asche (von verbrannten Zeitschriften) auffüllen, dieses „Wort-Stück“ wird dann ein Teil des Kreuzes. Hier „dient das Kreuz als symbolträchtige Instanz“...

„Was muss, was kann, was darf Kunst? Kunst muss wahrhaftig sein, sie soll uns berühren, sie darf anstössig sein. Künstler können sich Freiheiten nehmen, die uns irritieren, erschrecken oder gar verstören, die unsere überkommenen Ansichten infrage stellen. Auch so trennt sich die Kunst vom banalen Leben und erzeugt einen Mehrwert, der uns neue Erkenntnisse verschafft.“

Zitat Axel Hecht, ART Chefredakteur /2002



Ausstellungseröffnung: Montag, 7. Juni 2004, 19.00 Uhr
Performance „Heimat-Stück“ mit Juliane Kosarev 19.30 Uhr

Ausstellungsdauer: 8. Juni – 25. Juli 2004

Öffnungszeiten:
Dienstag: 14.00 - 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag: 15.00 - 18.00 Uhr