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paradies
im bunker
ausstellungseröffnung: montag 8. november
2004, 19 h
ausstellungsdauer: 9. november - 19. dezember 2004
kuratorinnen: annegret bleisteiner, heidrun waadt, dr. cornelia
oßwald-hoffmann
öffnungszeiten: dienstag 14 - 18 h,
samstag/sonntag 15 - 18 h
Am 8. November 2004 wird im Kunstbunker Tumulka in München
die Ausstellung "Paradies im Bunker" eröffnet. Von über
30 internationalen Künstlern aus Ost und West werden Vorstellungen
vom Paradies erforscht und erlebbar gemacht.
München schließt sich damit einem Projekt des deutsch-russischen
Künstler- und Kuratorenpaares Nina und Torsten Römer (M°A°I°S°
) an, das auf einem internationalen Kuratorentreffen in Moskau 2003
initiiert wurde. Dieses Projekt setzt sich mit dem "Paradies"-Thema
in Bunkern und unterirdischen Orten auseinander.
Berlin machte letzten Herbst den Anfang. Die Reise
ins "Paradies" der Bunkeranlagen unter dem Alexanderplatz war ein
großer Ausstellungserfolg. Tausende von Besuchern ließen
sich durch das Labyrinth schleusen und machten sich in der Isolation
vom geschäftigen Treiben des Bahnhofs darüber auf die
Suche nach den inneren Vorstellungswelten der Künstler.
Kunstbunker Tumulka
In München strebt das "Paradies" in die Höhe. Im "Kunstbunker
Tumulka", einem Hochbunker am Prinzregentenplatz, brandet der Verkehr
um das Gebäude, der isolierte Raum ist nicht unter der Erde,
sondern steht wie ein Monolith mitten im alltäglichen Geschehen.
Umgeben ist er von anderen kulturellen Orten des Schauens (Villa
Stuck, verschiedene Galerien, Prinzregententheater), ist im Gegensatz
zu diesen aber vollständig nach außen abgeschottet, projiziert
die Stille der Tiefe nach oben.
"Paradise now!"
"Wie stellen Sie sich das Paradies vor? Gibt es im Osten ein anderes
Paradies als im Westen? Wo ist das Paradies? Wie nah sind wir dem
Paradies? Ist das Paradies käuflich? Leben wir im siebten Himmel
oder doch nur im Sparparadies?"
Für jeden der Künstler definiert sich der Ort, an dem
sich das "Paradies" manifestiert anders. Es gibt so viele unterschiedliche
Paradiesvorstellungen, wie es Künstler gibt und Menschen, die
ihre Werke betrachten. Gleich ist nur der Ausgangspunkt für
diese Vorstellungen: die Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt.
Wie sieht das Paradies heute aus, in Zeiten der wirtschaftlichen
Rezession und Arbeitslosigkeit? Ist es nach wie vor eine Vorstellungswelt
als Platzhalter für das Unerfüllbare? Beansprucht das
Paradies einen reinen Sehnsuchtsplatz, da es zum Verschwinden gebracht
wird, wenn es realisiert wird? Oder ist im Gegenteil das Paradies
greifbarer geworden, da wir immer mehr die Möglichkeit erhalten,
es Wirklichkeit werden zu lassen? Welchen Anteil hat die Werbung
an der Befriedigung dieser Sehnsüchte? Ist sie nicht ein wichtiger
Motor zur Erzeugung erreichbarer paradiesischer Zustände? Und
ist gerade deshalb der Kunde so unzufrieden, wenn er das erworben
hat, was er sich immer gewünscht hat, da er es sich nur vermeindlich
gewünscht hat? Sehnen wir uns nicht auch in der globalen Politik
paradiesische Zustände herbei? Eine Welt ohne Krieg? - Das
Paradies ist trotz der Beendigung des kalten Krieges nicht näher
gerückt; seit den Terroranschlägen des 11. Septembers
scheint die endlich geeinte westliche Welt vor einer neuen Gefährdung
zu stehen. Aber ist dieser Wunsch nach Einheit, Konfliktfreiheit
und Harmonie innerhalb der Völkergemeinschaft nicht ohnehin
eine weitere Utopie, deren Erfüllung vor dem Hintergrund zerfallender
Sozialsysteme in den einzelnen Staaten in weite Ferne rückt.
Ist es jemals gelungen politische Utopien zu verwirklichen und ist
das überhaupt ihr Sinn?
Wenn das Paradies nicht in der großen Politik zu finden
ist, dann vielleicht im Kleinen, im abgesteckten, häuslichen
Rahmen - z. B. im hingebungsvollen ,,Do-it-yourself" des Heimwerkers
und im beschaulichen "Mikrokosmos" der Hausfrau. Ironische und idealistische
Ansätze prallen aufeinander, ohne dass eine Entscheidung getroffen
werden kann, zu welcher Seite sich der Paradiesgedanke zurechnen
läßt. Wäre noch vor kurzer Zeit klar gewesen, dass
sich die Paradiesidee in ihrer Kommerzialisierung aufgelöst
hat, so werden jetzt am Ende der Spaßgeneration wieder Modelle
für Antworten auf existentielle Fragen gesucht.
Die Vielzahl der einzelnen Paradiesvorstellungen erstaunt und
spannt einen weiten Fächer auf von unterschiedlichen Weltsichten
und kulturell bedingten Utopien. Durch die verschiedenen Arbeitsansätze
der Künstler und durch die Verwendung von unterschiedlichen
Medien wie Malerei, Video, Foto, Raum- und Multi-Media-Installationen
werden viele Assoziationsmöglichkeiten gegeben - der Betrachter
kann wählen und zu dem Ansatz finden, der ihm entspricht.
"Das Paradies ist ein fauler Apfel":
"Wieso in Bunkern und unterirdischen Orten"
Das Paradies im Spannungsfeld:
Künstler nutzen immer wieder ungewöhnliche Orte als "exotischen"
Ausstellungskontext für ihre Arbeit, da diese Orte Speicher
historischer Ereignisse und menschlicher Begegnungen sind. Wer einmal
einen Bunker oder vergleichbare unterirdische Räume betreten
hat, spürt sofort dessen Isolation: absolute Stille, Dunkelheit.
Da gibt es kein Fenster, das ihn mit dem Draußen verbindet.
Es sind Räume von ungeheurer Kraft - existenzielle Orte.
Per se beinhalten sie die Polarität von innen - außen,
kalt - warm, laut - leise, hell - dunkel. Ihre faktische Abgeschlossenheit
regt unsere Phantasie an, schafft Platz für die inneren Bilder:
positive und negative. In ihnen keimen Utopien, sie lassen uns abgleiten
ins Land der Wunschträume - ins Paradies.
Die Kunsträume sind entsprechend des emotionalen und didaktischen
Spannungsfeldes "Innen - Außen" ausgewählt. Die Konfrontation
mit dem Thema Paradies wird in den ausgewählten Räumen
zugespitzt.
Künstlerische Umsetzung
"Manchmal liegt das Paradies direkt hinter den geschlossenen Augenlidern",
schreibt Karin Böker von der Berliner Zeitung über die
intensiven Schwarz-Weiß-Fotos von Mathias Bothor. Der alte
Mann und der kleine Junge - durch das eine Gesicht ist die Zeit
gegangen und hat ihre Spuren abgelagert, das andere Gesicht hat
sie noch nicht angerührt, es ist glatt und spurenlos. Und doch
können in den Räumen hinter den geschlossenen Lidern die
gleichen Welten und Träume liegen, in denen Zeit keine Rolle
spielt.

Pflanzen in saftigem Wachstum berichten mit der Vielfältigkeit
ihrer Arten und der Schönheit ihrer Formen immer schon von
der harmonischen Perfektion des Paradieses. Im Bunker haben sie
sich den neuen Umständen angepasst: mit künstlichen Lichtquellen
bestrahlt, wirkt das Deckengewächshaus von Daniela Risch wie
das Bild für ein idealistisches Schöpfertum im Angesicht
der Vergeblichkeit, denn in dieser feindlichen Umgebung hält
nur die Künstlichkeit die Natürlichkeit am Leben. Auch
Adam und Eva sind unterwegs. Vereint sind Ost und West in der deutsch-russischen
"Knutschperformance" von Nina und Torsten Römer, den Initiatoren
der Ausstellungsreihe.
Mehr erotische Phantasien mit einem satten surrealen Einschlag
bieten die Arbeiten des Russen Oleg Kulik. Im ästhetischen
Schwarz-Weiß mischen sich eine erotische Paarszene mit der
Jagdszene in der verschneiten Steppe. Zwischen Wolf und Rentiere
schiebt sich ein extatisches Paar, der Hunger nach Fleisch endet
aber doch im ausgestopften Rachen des Wolfes. Der menschliche Körper
als Schriftzeichen?- die Erotik des nackten Paares "gebändigt"
durch ihre Funktionalisierung? Auf den durchscheinenden Stoffbahnen
von Marina Gertsovskaja wird mit Witz und Ironie der Mythos vom
Körper als Erotikmaschine zugleich demontiert und wieder erschaffen.
Vom Heimwerkertraum zum trauten Heim, dass der Übergang fließend
ist, berichten die Stickbilder Anne Bleisteiners. Stickte früher
des Heimchen am Herd religiöse Motive und Leitsätze auf
das gut bürgerliche Kopfkissen seiner entschärften Weiblichkeit,
so kommen jetzt vom Sandförmchen bis zum Pariser alles auf
den aufgespannten Putzlappen. Wunschträume der gesetzten Weiblichkeit
- Alexandra kannte sie alle, "Zigeunerjunge" singt sie immer noch
rauchig, sehnsüchtig. Diesen Traum von Freiheit und entfesselter
Erotik hat Stefanie Unruh gut aufgehoben und verschlossen in ihrem
edelweißgeschmückten Kulturbeutel.
Während man im Wartezimmer von Daniela von Nayhauß
in der Vorhölle festsitzt, könnte man mit dem "Paradiesbus"
von Sabine Beyerle und David Reuter in die Welt reisen, wäre
dieser nicht im Bunker fixiert. Aber immerhin kann man sich von
ihm aus um die Welt träumen und von dieser fiktiven Reise reale
Postkarten mit paradiesischen Motiven versenden. Ganz anders die
Videoarbeit von Björn Hausner. "Moral Sanction" ist mitten
in der schönen neuen Welt der Globalisierung unterwegs und
stellt die Frage, ob auch diese nur eine weitere unerfüllbare
Utopie ist.
Die Schnittstelle Paradies Utopismus ist geöffnet, an ihr
arbeitet Andreas Mayer-Brennenstuhl. In seiner Sowjetbar wird eine
der größten umgesetzten Utopien der Menschheit versoffen,
abgesoffen ist sie gerade in der Unmöglichkeit ihrer Umsetzung.
Wie sieht der Mensch der Zukunft aus, bzw. wie wird er seinen gestylten,
manipulierten Körper bekleiden. Für den Bunker findet
Kathrin Rabenort den Astronautenlook als Zukunftstrend. Der Astronaut
im Bunker? - Die unendlichen Weiten in kleine lichtlose Räume
unter der Erde verbannt? - aber sind die Verlorenheit im Angesicht
der Unendlichkeit und die Klaustrophobie des kleinen, dunklen Raumes
nicht vergleichbar? Im lichtlosen Bunker kann sich der Betrachter
ins All träumen und schon einmal seine neuen Kleider ansehen.
Der Blick in die Tonnen des Diogenes,blendet den Betrachter wirft
ihn auf sich selbst zurück. Aus der Selbsterkenntnis schafft
Carlotta Brunetti: Mein Paradies mein eigenes. Das Paradies als
Traum, nur als Vision, als konstruierte Utopie einer besseren Welt?
-Wo sind die Wurzeln des Paradieses? Das Paradies war der erste
Zustand des Menschseins als Einssein mit Gott und in Harmonie mit
der Schöpfung als hierarchisch geordnete Einheit aller Lebensformen.
Durch eine minimale Tat von maximaler symbolischer und existenzieller
Bedeutung brachte der erste Mensch diese Ordnung aus dem Lot, sie
ging für ihn verloren. Aus dem zeitlos dahinfließenden
Leben des Paradieses wurde der zeitlich zerhackte Alltag. Der Weg
zurück ist nur als Weg über das Leben hinaus vorstellbar,
beschreibbar nur im Modell wie im Lichtweg Kristine Oßwalds.
In einem anderen Modell architektonischer Art wird der Traum der
endlosen Bewegungsschleife umgesetzt. Michaela Rotsch und Philipp
Messner entwerfen einen Architekturkörper, der in sich wie
eine Arabeske verschlungen ist ohne Anfang und Ende. Der Baukörper
mutiert zu einer Bewegungsmaschine: durch ein System von Rollstreppen
und Paternostern wird der Betrachter von unten nach oben und von
innen nach außen bewegt. Die Architektur stülpt sich
immer wieder von innen nach außen ähnlich der bizarren
Lebensform der Seegurke.
Orange leuchtet die Bodenarbeit Isabel Ferrands. Die "minimal
sculpture" im changierenden Monochrom entpuppt sich auf zweiten
Blick als eine Installation aus hunderten von Nähseiden, die
präzise nebeneinander gelegt ein großes Rechteck umschreiben.
Ein Bodenbild entsteht, in dem klassischen Bildpartner Farbträger
und Farbe zu einem Objekt geworden sind.
Dr. Cornelia Oßwald-Hoffmann
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