
what's my name again?
VERA LOSSAU
ausstellungseröffnung: 8. september 2006,
19 h
dauer der ausstellung: 9. september - 22. oktober 2006
kuratorin: dr. cornelia oßwald-hoffmann
"Der Titel - eine Frage - bezeichnet einen seltenen Moment
der kurzen Amnesie, in der die eigene Identität, die ja am
Namen hängt, nicht erinnert und daher außer Kraft gesetzt
wird: Ein Augenblick, in dem man sich leicht erschreckt, über
die eigene Existenz wundert. Sobald die genaue Bezeichnung verschwindet
- ist die sichere Bedeutung, und damit der Status, die Verortung,
die Positionierung, die Beständigkeiten, die Relevanz etc.
unsicher geworden." (Vera Lossau)
Sichere Bedeutungen sind nicht die Sache von Vera Lossau. Eindeutigkeit
wird nicht angestrebt, eher eine Halbdeutigkeit oder eine Doppeldeutigkeit
möglichst in ein und demselben Objekt. Ein halber "Dom
zu Speyer", ein halbes "Megafon", ein halbes "U-Boot"
- funktional kann das nicht sein. Ein halber "Brillant"
gar in der Größe eine Fußballs, ein halber "Konzertflügel"
als Kinderspielzeug: Die Proportionen haben sich verselbständigt,
kennzeichnen ihr Ausgangsobjekt nicht mehr.
Auch deren Materialität ist verschwunden, wurde vereinheitlicht
- alle "Half-Objects" und "Double-Objects" sind
aus schwarz lackierten Holzplatten, hochglanzpoliert.
Vera Lossau macht halbe Sachen.
Und nicht immer einmal das, denn betrachtet man das "Megafon"
genauer, sieht man, dass es aus einzelnen Platten locker montiert
ist. Teilweise fällt Licht durch die Schlitze, das Runde ist
ins Eckige verwandelt, das Objekt scheint sich in seiner Fragilität
aufzulösen. Zusammengekommen patroullieren die Skulpturen wie
Hochglanz-Models auf und um einem Laufsteg, einsam im verschlossenen
weißen Raum.
Alles stimmt nicht wirklich: "what's my name again" -
wie hieß ich schnell wieder? Wie hießen die Dinge schnell
wieder? Die Objekte haben ein Problem mit ihrer eigenen Identität.
Der Steg ist aus Styropor und gibt vor Holz zu sein, der "Relaxer"
will ein Schnuller sein, hat sich aber wie schon die "Half-Objects"
und "Double-Objects" in Größe und Material
geirrt, auch seine Funktionalität lässt zu wünschen
übrig. Anstatt Beruhigungsmittel und Brustersatz zu sein, weist
er mit seinen gefährlich scharfen Spitzen in den Raum. Kein
Baby, auch kein Riesenbaby, dürfte hier seine Erfüllung
finden.
Und was ist mit den "Icecream-Holders"? Sie treiben mit
ihrer absurden Funktionalität den Konflikt von Namen und Objekt
auf die Spitze. Sie sind gestaltlose Unobjekte, die in polierter
Bronze einen sinnlosen Dienst an dahinschmelzenden Eistüten
in greller Werbeoptik erfüllen.
Viele Objekte der Vera Lossau sind so. Sie kommen aus der Alltagsrealität
daher, tauschen Dimension, Materialität und gehen neue Gemeinschaften
mit anderen Objekten ein, verschmelzen mit diesen zu absurden Skulpturen
und treten so in Konflikt mit ihrem Titel und ihrer eigentlichen
Bedeutung.

Altbekannte Zusammenhänge werden destabilisiert, Bedeutungen
freigesetzt und nicht mehr gebunden.
Die Bilder, Skulpturen und Installationen laufen in eine Endlosschleife
der Bezüge hinein, für die es keine Auflösung gibt,
nicht geben kann und soll. Dass trotzdem kein surrealer Effekt entsteht,
liegt nicht nur an der Selbstverständlichkeit, mit der die
gegensätzlichen "ready-mades" (Schnuller, Nägel)
zu einem Objekt verschmolzen werden, sondern maßgeblich an
der Stimmungslage, mit der die Arbeiten präsentiert werden:
sachlich, ironisch, anpackend, frisch, nicht psychologisch geheimnisvoll.
Der Zusammenhang von Ding und Bezeichnung löst sich auf. Die
Dinge werden vom Ballast ihrer Bedeutungen befreit und beginnen
ein fröhliches Eigenleben zu führen. Durch die Überspitzung
von Intellektualität kommt es zu deren Neutralisierung. Hinter
diesem Prozess der Destabilisierung findet sich endlich das, was
Vera Lossau sucht: das reine Gefühl - unsentimental, unpathetisch,
überindividuell.
Die Kunstwelt der Vera Lossau ist nicht mehr als Ort einer subjektiven,
direkten und authentischen Gefühlsvermittlung glaubhaft, denn
als solche ist sie seit der Moderne längst in der gesellschaftlichen
Schublade des Kulturbürgertums verstaubt. Sie muss vielmehr
durch den Ballast des Gedankengebäudes aus Zeichen, Bezeichneten
und Kontext der Bezeichnung hindurch, um ihre dramatische Spannung
aus Leiden, Schmerz und Scherz zu erzeugen, die letztendlich die
menschliche Existenz prägt.
"What's my name again?" Die Ausstellung im KUNSTBUNKER
TUMULKA zieht ein Resümee über ca. sechs Jahre Arbeit,
sucht in der Arbeit nach der Arbeit, nach dem eigenen Standort in
der Kunstwelt und in der eigenen Kunst. Aus dem Gegenüber der
Künstlerin zur Arbeit soll die eigene Identität erklärt
werden - sich selbst erklären und umgekehrt.
Dabei erweist sich der Kunstbunker als idealer Ort.
"Noch extremer als ein White Cube, in dem Kunst als Kunst
ermöglicht wird, wird diese Bunkersituation zu einem extremen
abgeschlossenen Ort, einem Schutzraum, fast einem Zwischenraum zwischen
Geschichte und Gegenwart, unabhängig von der Jahreszeit, unzerstörbar,
der eine Zeitblase, einen konstanten Raum repräsentiert. Die
spezifische, sich immer wiederholende Architektur, das Klaustrophobische,
das ein absurdes, kafkaeskes Gefühl Evozierende dieses Off-Raumes
soll genutzt werden. Die Arbeiten reagieren auf dieses Vakuum."
(Vera Lossau)
Der Bunker ist ein Ort der Abgeschlossenheit, in der die Künstlerin
zur Ruhe kommen kann, die Arbeiten neu geordnet werden können,
ein Statement herausgeformt werden kann.
Wir dürfen gespannt sein, was uns Vera Lossau über die
Aktualität unserer Lebenssituation zu sagen und zu zeigen hat
und zu fühlen mitgibt.
Dr. Cornelia Oßwald-Hoffmann
Kuratorin
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