ek-stasis - aus sich heraus | installation | malerei | skulptur
GABRIELE FICHTL UND MARLIES POSS

eröffnung: montag, 16. juni 2008, 18.30 h   
dialogführung: samstag, 28. juni 2008, 15 h
finissage: freitag, 25. juli 2008, 19.30 h  
dauer der ausstellung: 17. juni - 27. juli 2008
kurator: dr. jürgen wurst

 
Ekstatische Erfahrungen und Erlebnisse können sich auf ganz unterschiedliche Weisen einstellen, in der tiefen meditativen Versenkung, in rauschhaften Bewegungszuständen, in sexueller Hingabe, aber auch durch Schmerz und Krankheit. Sie umfassen tiefste Verzweiflung und überschäumende Lebensfreude. Dieser in Worten kaum oder nicht beschreibbare, wohl nur erlebbare Zustand des Bewusstseins, gab das Motto der Ausstellung. Im Wortsinn bedeutet Ek-Stase Aus-sich-heraus-treten, Außer-sich-sein aber auch Aus-dem-Stillstand-heraus (kommen). Dabei geht es den beiden Künstlerinnen in ihren Arbeiten weniger um die Darstellung ekstatischer Momente, seien sie nun durch Reizsteigerung oder Reizvermeidung herbeigeführt, als eher um das Aus-sich-heraus-treten, um Momente des Aufbruchs, um die Lösung der Erstarrung (Stase) und die damit verbundene Wiederkehr des Fließens.

Es fällt nicht leicht, die Kunst von Marlies Poss mit Worten zu erfassen. Ihre Werke sind sperrig, sie widersetzen sich dem Betrachter, sie sind nicht gefällig, sie erschließen sich nicht im Vorbeigehen. Es benötigt Zeit und Offenheit, in die Symbolsprache der Künstlerin einzutauchen, es bedarf der Bereitschaft, sich in die raumgreifenden Installationen und Skulpturen zu versenken, hinzusehen und in sich hineinzuhören.

Setzt man sich mit den Werken von Marlies Poss in dieser Weise auseinander, so drängt sich geradezu eine Vielfalt von Assoziationen auf: Es scheint, als würden sich ihre Arbeiten um eine der zentralen Fragen menschlichen Seins drehen, um die Frage, was am Ende überbleibt, wenn die Energie des Lebens, die Seele, den Raum verlassen hat, den sie besetzt hat, in dem sie sich manifestiert hat.

Es bleibt zunächst die Hülle, die Struktur des Abgrenzens von Innen und Außen, die dem Kern, dem Wesentlichen, das sie in sich verbirgt, Heimstatt gegeben hat. In den Werken von Marlies Poss ist diese ihrem Inneren beraubte Hülle diaphan geworden und gibt den Blick frei auf den nun leeren Raum. Diese entstandene Leere zu füllen, ist Aufgabe des Betrachters. Es wird ein Spiel mit Vermutungen. Macht die Leere Platz für etwas Neues oder Anderes? Ist die Leere vernichtend? Sind die Formen der entkernten Körper roh und schroff, nahezu abstrakt, da ihnen das einst innewohnende Geistige, das die Form gestaltet hat, fehlt?

 

 

Das Zurückbleiben leerer Hüllen demonstriert aber auch die Vergänglichkeit unserer Energie, um die zu fühlen wir nicht erst sterben müssen - es reicht hierfür ein Zustand, den man heute so gerne euphemistisch mit „Burn-out“ bezeichnet - ausgebrannt sein, seiner Energien ledig, nur mehr eine mehr oder weniger gut funktionierende Hülle sein. Nahe am psychischen Tod wird die physische Hülle in ihrer Fragilität zum Spielball äußerer Kräfte, wie eine Flipperkugel.

Die Kunstwerke von Marlies Poss thematisieren aber auch Haut in ihrer mannigfaltigen Bedeutung. Haut ist ambivalent – sie beschützt und hält zusammen, sie grenzt ab, aus und ein, sie ist die Trennwand zwischen Innen und Außen. Die Wichtigkeit von Haut hat der Volksmund in unzähligen Sprichworten und Redewendungen erkannt: Es geht einem so schnell nichts unter die Haut, wenn man eine dicke Haut hat, wenn man aber dünnhäutig ist – und man kann ja letztlich nicht aus seiner Haut – dann kann es passieren, dass man am liebsten aus der Haut fahren möchte, weil man sich so gar nicht wohl fühlt in seiner Haut.

Nicht zuletzt bekommen die Arbeiten der Künstler durch die Konfrontation mit den Räumen des Kunstbunkers eine ganz eigene Bedeutung. Das Leichte, kaum Fassbare, das Durchsichtige, das Fragile, das dem Tod die Last nimmt, steht in stärkstem Kontrast zur Schwere, zum Rohen, zum Lastenden, ja zum fast gewalttätig-Brutalen des Bunkers. Dieser Kontrast verstärkt die Wirkung der Schöpfungen von Marlies Poss, denn der Beton des Bunkers gewinnt nicht die Überhand, erdrückt nicht das Leichte, das über das Schwere siegt wie das im Sprichwort das Wasser über den Stein. In einem Ort, der dem Erhalt des Lebens inmitten des Sturms des Todes diente, haben paradoxerweise Arbeiten Platz gefunden, die den Tod thematisieren.

 

  

Einen anderen Weg, aus der Stase wieder in den Fluss zu kommen, geht Gabriele Fichtl in ihren Arbeiten. Ihr Elan vital ist der Eros, ihre Arbeiten sind geprägt von Körperfreude, einer stofflichen Sinnlichkeit, einer leidenschaftlichen Hingabe an Objekt und Material und einer geradezu spürbar drängenden, pulsierenden Lebenslust. Ihre Formensprache, vor allem in ihren Plastiken und Skulpturen, ist, auch wenn sie reduziert ist, vielleicht sogar gerade dann, lebensvoll-erotisch ohne dabei ins lediglich Sexuelle abzugleiten. Diese grundsätzlich lebensbejahende Sicht wird auch in den Arbeiten von Gabriele Fichtl spürbar, die Tod und Vergänglichkeit zum Thema machen. Der Tod, der so gerne verdrängt wird, auch weil er das einzig unausweichliche in unserer Existenz ist, verliert so einen Teil seines Schreckens, das Vergehen unseres Lebens, das Hinschwinden von Kraft und Schönheit wird mit melancholischer Gelassenheit betrachtet oder nüchtern dokumentiert. So ist der seltsame, kaum beschreibbare Zug um den sinnlichen Mund der Figur "Juvenis" vielleicht Ausdruck eines kurzen Moments, in welchem dem Porträtierten klar geworden ist, dass die Blüte, in der er steht, nicht ewig währt.

Momente zu erfassen, in denen das Individuum beobachtend aus sich heraustritt, transitorische Momente, in denen der Mensch, als Sterbender oder als das Sterben Erlebender, wieder auf das Wesentliche zurückgeworfen wird, sind das movens der Kunst von Gabriele Fichtl.

   
 

 

 

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