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jedem
das seine - eine kinetisch-akustische installation
KLAUS ILLI
Wer heute auf das KZ-Lagertor von Buchenwald zugeht, sieht in
spiegelverkehrter Weise den Titel der Arbeit von Klaus Illi, die
im Kunstbunker Tumulka zu sehen ist: "Jedem das Seine" – Seit der
Antike und bis ins 19. Jahrhundert eine positiv gebrauchte Redewendung,
die auf Freiheit, Toleranz und Selbst- und Fremdachtung verwies.
Erst die Verwendung bei den Nationalsozialisten pervertierte dieses
Diktum zum Emblem höchster Menschenverachtung im Holocaust.
Bewußt hat der Künstler das zwiefältige Ambiente
des Bunkers für seine kinetisch-akustische Installation ausgesucht.
Ist uns doch im Bunker die problematische Dialektik von Schutz und
Gefängnis, von Leben und Tod noch heute als Erlebnis vernehmbar.
Eben diese Zwiefältigkeit von Schutz und Verderben, von der
Hölle im Innern und dem Grauen außerhalb des Bunkers,
erweitert Klaus Illi in seiner Arbeit um den Zusammenhang von Täter
und Opfer, von Luftschutzraum und Gaskammer.
Der Künstler spricht selbst von einem "Wagnis" in bezug auf
seine pneumatischen Installationen: Schweres Atmen erfüllt
den Bunker und seine Zellen. Betritt jedoch der Besucher einen der
betonkahlen Räume, aus denen das Atmen vernehmbar ist, verstummt
es und setzt einen Stock höher wieder ein. Der Besucher wird
einem systematischen, forttreibenden Frustrationsprozess ausgesetzt,
denn er bekommt den Grund der Atemgeräusche nicht zu Gesicht
– er bleibt (nur) Ohrenzeuge: Ende des Atmens, Tod des Atmenden.
Hier beginnt die existentiell-geschichtliche Dimension dieser Ausstellung.
Das Beklemmen der medizinisch-technoiden Geräuschkulisse
vermischt sich auf zynische Weise mit dem historischen Entsetzen
vor dem tausendfachen Tod in den Kammern der Konzentrationslager.
Nirgendwo jedoch wird dem Besucher dieser Zusammenhang gedeutet,
er muß sich selbst als der Hörende erfahren, der doch
immer wieder erkennen muß, daß es da nichts (mehr) zu
sehen gibt. Daß Geschichte immer nur Erzähltes, Überliefertes,
dem Vergessen Entrissenes ist; daß Geschichte ihre Glaubwürdigkeit
immer wieder auf dem Prüfstein fehlender Augenzeugenschaft
erweisen muß – diesen jederzeit aktuellen Gedanken formuliert
Klaus Illi in dieser Ausstellung und inszeniert damit zugleich den
Bunker selbst als Metapher gegen das Weghören, gegen das Wegsehen
und für ein eindringliches Erleben sowohl von Leben und Tod
als auch von Geschichte und Vergessen.
Text der Einführungsrede
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