strassenarbeiten | projekte im aussenraum

ausstellungseröffnung: 1. juli 1999, 19 h
ausstellungsdauer: 2. juli 1999 - 30. august 1999

 
Eine sechspurige Straßenschlucht, ein Hochbunker, ein Theater, ein Platz, eine Straße, ein Monument, alte Bürgerhäuser, moderne Zweckbauten, U-Bahn-Schächte, ein Stadion, ein Fluß, Geschäfte, Unternehmen, Menschen, Autos, Bäume; die Zutaten typischer öffentlicher Räume einer typischen deutschen Großstadt; nicht spezifisch, nicht besonders, nicht städtischer, als andere Orte unserer Zeit. – Alltags-Stadt-Räume.

Für die Ausstellung "Straßenarbeiten" wurden siebzehn Künstlerinnen und Künstler gebeten, im Zuge der Prinzregentenstraße zwischen Leuchtenbergring und Isar Werke für den öffentlichen Raum zu schaffen: Es gab keine Vorgaben, keine ästhetischen Bedingungen. Es sollte freie Kunst entstehen, die sich temporär mit dem öffentlichen Raum, dem Alltagsraum, dem Stadtraum befassen, auseinandersetzen, ihn verändern, einzelnes akzentuieren, anderes beleuchten, Orte wieder oder überhaupt erst ins Bewußtsein heben wollte.

Siebzehn persönliche, unterschiedliche Zugangsweisen präsentieren nicht nur sich und ihre höchst differenzierten Ansätze, sondern sie verweisen auf ein zu Bewahrendes: Das Öffentlich-Politische kann nur bestehen, wenn sich darein Individuelles mischt. Somit leistet – allein durch ihre Anwesenheit – die Kunst im öffentlichen Raum einen substantiellen Beitrag zu einer gelingenden Politik, die nicht nur sich selbst öffentlich verwaltende Öffentlichkeit sein darf, wenn sie sich das Etikett "demokratisch" umhängen will. Hier erweist sich gerade die nicht-engangierte Kunst als zuhöchst politische Kunst.

Solche Absichten zu formulieren gelingt jedoch nicht im feuilletonistischen Traktat der Intelligenzgazetten und schon gar nicht in den politischen Sonntagsreden. Solches kann sich immer nur in der freien Entfaltung von künstlerisches Kreativität offenbaren. Kunst zeigt sich hier exemplarisch als virtueller Freiraum, in dem sich Schöpferisches in all seiner fragilen spielerischen Sensibilität doch immer wieder gegen das Öffentliche als Selbstzweck durchzusetzen vermag. Die Kunst kann dabei den Blick auf das Wesentliche immer wieder schärfen, damit eben dieses nicht im Wust bürokratischer Überregulierung und blindwuchernder Sekundär- und Tertiärarchitektur mehr und mehr verstellt wird.

Mit und durch die Kunst verwandeln sich die Alltagsorte. Sie Offenbaren etwas Einzigartiges, eine Einmaligkeit. Sie mutieren von der alltäglichen austauschbar-beliebigen Dienstbarkeit zum Ereignis einer kreativen Situation. Die urbane Infrastruktur gewinnt ästhetische Dimensionen, die Kunst lenkt den Blick. Sie öffnet gleichsam Fenster in den geschlossenen Fassaden des städtischen Alltags. Hieß es, man sieht nur, was man weiß, so heißt es nun: Man weiß nur, was man sieht. Die Kunst entdeckt neue Orte, schafft öffentliche Räume, provoziert Nachdenken über Öffentliches, wo es vorher allenfalls nur zweck- und verkehrsdienliche Frei- oder Leerräume gab und wird somit im buchstäblichen Sinne zur bildenden Kunst.

Diese Kunst hat jedoch keine Botschaft, die in irgendeinem Sinne politisch dienstbar gemacht werden könnte. Diese Werke, Arbeiten, Installationen, Projektionen, Skulpturen oder Aktionen sind die Botschaft selbst. Denn sie sprechen nicht über Veränderungen, sie sind Veränderungen, die für sich selbst sprechen, wenn man ihnen nur zuhört.

Markus J. Brach-von Gumppenberg


Kunstbunker Tumulka, Prinzregentenstr. 97a, 81677 München
Gefördert von der Landeshauptstadt München
zur Ausstellung erscheint ein Katalog (DM 10,-)

 

 

   
 

 

 

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