6·2 audiovisuelles projekt
MARYLIN WILLIS

 
Die in Deutschland noch überall zu findenden Hochbunker aus der Nationalsozialistischen Ära, in ihrer wuchtigen und ins bauliche Umfeld oft passabel integrierten Präsenz, mit ihren strengen und sparsam gegliederten Fassaden, setzen auch in den heutigen Stadtbildern noch überraschende architektonische Akzente.

Die nationalsozialistische Architektur für die auch die zahlreichen Münchner Hochbunker Beispiele sind, entwickelte, wie die faschistische Architektur überhaupt, keinen eigenen Stil, sondern plünderte den Fundus der Baugeschichte und bediente sich einer ins Totalitäre gesteigerten elektrischen Formensprache. Verglichen mit dem öden und leeren Pathos der fertiggestellten Repräsentationsbauten des Dritten Reiches wirken die Nutzbauten der Hochbunker geradezu moderat, kompakt und ästhetisch in sich geschlossen. Sie erinnern nicht zuletzt an die architektonischen "Utopien auf Papier" der französischen Revolutionsarchitekten Boullée und Ledoux, deren Werk kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wiederentdeckt worden war und unter anderem Albert Speer als Inspirationsquelle diente. Dabei darf jedoch auch nicht übersehen werden, daß es den beiden Revolutionsarchitekten um totale Herrschaft und Reglementierung im Zeichen der Vernunft ging. Von Vernunft kann im Hinblick auf die totale Nazi-Architektur keine Rede mehr sein. Dafür sind auch die Münchner Hochbunker sprechende Beispiele im Sinne der "architecture parlante". Trutzburgen, die scheinbar Sicherheit boten, zugleich Disziplinierungsinstrumente, die den Durchhaltewillen der Bevölkerung bestärken sollten.

Mit ihrem audiovisuellen Projekt 6·2 im Kunstbunker Tumulka hat Marylin Willis somit einen Ort gewählt, der in "normalen Zeiten" ein Anachronismus scheint, nach Paul Virilio eine Art »Überlebensmaschine« in der sich eine ganze Gesellschaft eingrub, um außerhalb einer bewohnbaren Oberfläche zu überleben. Marylin Willis hat sich wie bisher keine andere Künstlerin mit ihrem Projekt auf die Räume eingelassen. Wie 1998 im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt betrieb sie auch hier eine frühzeitige Investigation der einzelnen Räume des Gebäudes. Wichtig dabei ist für die Künstlerin die mathematische wie die physikalische Bestimmung der »aerostatischen Architektur« des Bunkers. Die "Überlebensmaschine" aus Stahlbeton wird aufgrund dieser spezifischen Architektur untersucht und dann künstlerisch so "verfremdet", daß sich der zu bewerkstelligende Raum in sich selbst sukzessive auflöst, Als eine der wenigen modernen monolithischen Architekturen wird der Bunker sowohl von Innen als auch von Außen einer genauen Recherche unterzogen und deren Ergebnis aufeinander abgestimmt. Dabei spielen sowohl Statik als auch Wahrnehmung innerhalb des Gebäudes eine große Rolle. Die künstlerische Umsetzung erfolgt dann in visuellen, audiovisuellen und rein akustischen Bestandteilen eines raumbezogenen Gesamtkunstwerkes, das beim Betrachter und Hörer ein unvergeßliches Erlebnis bleibt.

Michael Heufelder

   
 

 

 

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